Bestimmt habt ihr auch schon diese YouTube-Videos gesehen: “Ich habe ein SaaS in 3 Tagen mit KI gebaut.” Aus meiner Sicht ist das irreführend - die Demos zeigen nur die Spitze des Eisbergs.
Ich baue gerade dealfilter.ai, ein spezialisiertes KI-gestütztes Tool für IT-Freiberufler im DACH-Raum. Selbst mit KI-unterstütztem Entwicklungsworkflow (oder Vibe Coding wenn man so will), viel Erfahrung als Softwareentwickler und sehr fokussiertem Scope sind es eher 2-3 Monate Vollzeit bis zu einem verkaufsfähigen Produkt.
Was ich an einem Wochenende bauen kann, ist ein schicker Prototyp. In der Realität ist man damit so weit vom fertigen Produkt entfernt wie eine Filmkulisse von einem bewohnbaren Haus.
Die YouTube-Demos für Apps und SaaS-Building zeigen maximal Level 1 von 10.
Vibe Coding bedeutet für mich, die KI als Werkzeug zu nutzen - aber die Verantwortung für das Ergebnis nicht an sie zu delegieren.
Level 1. Der Prototyp ist weniger als 10% des Frontends
Was innerhalb von 3 Tagen entstehen kann, ist die Kernfunktion als hübsche Oberfläche - maximal 10% der Frontend-Arbeit. Die anderen 90% sind eher langweilige, aber wichtige Verwaltungs-Dialoge: Onboarding, Settings, Fehlerzustände, Empty States, Loading States, Bestätigungsdialoge, alternative Darstellungen, Suchen und Sortieren.
Level 2. Mobile first?
Am besten entwickelt man mobile first und weiß sofort, dass die Anwendung auf dem Handy sauber funktioniert.
Meine Anwendung ist aufgrund ihrer Funktionalität eine typische Desktop-Anwendung und daraufhin optimiert. Die Anpassung für Mobilgeräte erforderte eine Woche Zusatzaufwand. Und mobile Browser verbieten manches, was am Desktop gut lösbar ist, oder brauchen Workarounds für ihre Besonderheiten.
Beispiel aus meinem Tool: Eine zentrale Funktion - das Übertragen eines beliebigen Webseiteninhalts aus gängigen Freelancerportalen zum Erfassen einer neuen Projektanfrage per 1-Klick - konnte ich am Desktop-Browser mittels Bookmarklet sehr einfach lösen. Mobile Browser erlauben aus Sicherheitsgründen kein JavaScript in Lesezeichen - daher muss man am Handy mit Copy & Paste arbeiten.
Level 3. Das Backend existiert noch gar nicht
Im Prototyp ist alles Frontend-Fassade mit Mock-Daten. Echtes Backend heißt: Geschäftslogik, Datenbank-Schema, API, Validierung, Berechtigungen, Hintergrund-Jobs. Auch bei Authentifizierung und Autorisierung muss man sich mehr Gedanken machen als der vorkonfigurierte Supabase-Flow suggeriert. Mit Passwort oder Magic Link? 2FA? Passkey? Login mit Google, Apple und Co. erfordern Entwickler-Accounts und sind nicht mal eben einzubinden.
Level 4. KI-Integration ist nicht “API-Call”
Eine KI-Integration ist mehr als ein API-Call zu OpenAI, Google oder Anthropic. Prompt Engineering, Modell-Auswahl, Fallback-Strategien bei Ausfall, Kosten-Tracking pro User, Streaming vs. synchron, Output-Validierung - bei meinem Tool ist das die Kern-Problematik. Wenn die KI Mist baut, ist das Produkt kaputt. Wenn die KI zu teuer wird, ist das Geschäftsmodell kaputt.
Level 5. Das Henne-Ei-Problem mit den Payment Providern
Noch so ein YouTube-Video: “Zahlungsabwicklung mit Polar in 1 Tag integriert.”
Ja, so ein erster Wurf gelingt mit der Sandbox, aber das Feinjustieren und Testen diverser Varianten dauert Tage.
Polar prüft deine Homepage, bevor du Echt-Zahlungen empfangen darfst. Als Freelancer ohne fertiges Produkt wurde ich direkt erstmal abgelehnt. Ich musste also erst die Landingpage dealfilter.ai fertigstellen und live bringen - mit Impressum, AGB, Datenschutz und sichtbarem Produkt - damit Polar und das dahinterliegende Stripe überhaupt prüfen konnten, was ich baue. Aber: ohne Payment-Freigabe konnte ich keinen Signup anbieten, sonst hätte ich User ohne Bezahl-Flow gehabt.
Lösung: Ich baute die Live-Site mit einem Feature-Flag, welches das Sign-up deaktivierte und durch ein Waitlist-Feature ersetzte, damit Polar mein Produkt verifizieren und freigeben konnte. Danach konnte ich die Payment-Funktionen integrieren und das Sign-up aktivieren.
Das ist nicht “Polar in 1 Tag”. Das ist ein zweiwöchiger Tanz mit dem Payment-Provider.
Level 6. Hosting: Vercel + Supabase, klick klick fertig?
Für den Prototyp: ja. Für Produktion: nein.
Produktion heißt: getrennte Environments für Preview und Live, Backup-Strategie für die Datenbank, Secrets-Management (keine Secret Keys im Code oder im Repo), Monitoring, Alerts wenn was kaputt geht. Ich nutze Doppler für Secrets über alle Umgebungen - das gibt’s in keinem YouTube-Video. Prototyp: 1 Tag. Produktionsreif: 2 Wochen.
Level 7. Risiko-Begrenzung: Kostenfalle und Hacker-Risiken
Ihr habt sicher Berichte gesehen, wo Leute über Nacht zigtausend Euro Hosting- oder KI-Kosten-Abrechnung bekamen. DDoS, gezielter API-Missbrauch, Bot-Traffic auf eure KI-Endpoints - jeder Request kostet echtes Geld. Ohne Rate Limiting, Bot-Schutz und harte User-Quoten sollte man keine Software produktiv betreiben.
Level 8. Internationalisierung: am besten von Beginn an
Auch wenn dein Tool - wie in meinem Fall - primär für den deutschen Markt gedacht ist, halte ich eine englische Version für jede Software relevant. Mehrsprachigkeit und Mehrwährungsfähigkeit sollte von Beginn an vorgesehen werden, nachträgliches Integrieren kann extrem mühsam werden - jedes Label, jede Fehlermeldung, jede E-Mail muss angefasst werden. Bei mir ist next-intl seit Tag 1 drin.
Level 9. Rechtliches: Abmahnfallen vermeiden
Impressum, AGB, Datenschutzerklärung, AVV mit jedem Subprozessor, Cookie-Consent. Im DACH-Raum Pflicht und komplex. Sogar das Anwendungskonzept wurde bei mir durch die deutsche und europäische Gesetzgebung beeinflusst - manche Features habe ich anders gebaut, weil die ursprüngliche Idee DSGVO-Probleme gehabt hätte. KI-Tools können bei der Texterstellung viel Boilerplate abnehmen, ersetzen aber kein juristisches Verständnis für die eigenen Datenflüsse.
Level 10. Landingpage und SEO
Die Landingpage ist nicht nebensächlich, sondern das Schaufenster des Produkts. Es ist ein eigenes Werk - den Nutzen klar zeigen, Screenshots oder Demo-Video, Pricing-Tabelle und FAQ. Und parallel: SEO-Grundlagen, Social Media, Analytics-Setup, vielleicht ein Blog für Long-Tail-Traffic. Ohne das findet dich niemand - egal wie gut dein Tool ist.
Fazit
Vom Wochenend-Prototyp zum verkaufsfertigen Produkt ist der Weg länger als 3 Tage. Es sind 2-3 Monate Vollzeit, wenn man es richtig macht. Das heißt nicht “macht’s nicht”. Das heißt: macht’s mit offenen Augen und nehmt euch die nötige Zeit.